Warum Facebook mehr über uns wissen sollte

Facebook und Google sammeln Daten über uns. Sie wissen mehr über uns, als uns lieb ist. Und doch wissen sie nicht alles. Aber erst das macht sie so gefährlich. Weil wir die Daten nicht mehr löschen können, ein Vorschlag in die andere Richtung: Wir müssen sehen, dass die Algorithmen Alles über uns wissen. Alles.

Das Internet hat ein Problem: Es ist zu groß. Jeder Heini hat seinen eigenen Blog und schreibt mehr oder weniger kluge Dinge, die jeder jederzeit abrufen kann. Und niemand weiß mehr so genau, was es alles gibt. In der Sozialwissenschaft hat sich dafür der Begriff der Komplexität etabliert: Wir können alles wissen, wenn wir nur wollen. Das Problem: Woher sollen wir wissen, dass wir eine Information wollen, bevor wir wissen, dass es die Information gibt?
Der Soziologe Dirk Baecker sieht in dieser Komplexität eine konsequente Weiterentwicklung der Menschheit: Zuerst erfinden wir die Sprache, die es ermöglicht, dass ein Stück Wissen nicht nur in einem Menschen verbleibt, sondern an einen Anderen weitergegeben werden kann. Dann erfinden wir die Schrift, die es erlaubt, das selbe Stück Information an mehrere Menschen weiterzugeben, und zwar so, dass der Autor nicht im selben Raum zur selben Zeit anwesend sein muss wie der Leser. Schließlich kommt der Buchdruck, der die Information noch weiter vervielfältigen kann. Nun muss der Autor nicht mal mehr das Objekt in Händen halten, das die Information trägt. Das Internet letztlich gibt jedem Zugang zu allen Informationen der Welt. Theoretisch.

Bisher konnte man mit der steigenden Menge an Informationen ganz gut umgehen. Sprache erfordert, dass Sprecher und Zuhörer zur selben Zeit sich im selben Raum befinden. Schrift erfordert, dass ein Schriftstück sich einmal zur selben Zeit im selben Raum mit dem Autor befindet, und später wieder mit dem Leser, dazwischen darf es nicht zerstört werden. Es gab auch vor Zeiten des Internets schon eine unüberschaubare Fülle von Wissen. Nur haben Raum und Zeit oft den Zugang zu den Informationen beschränkt: Bibliotheken hatten nur eine Auswahl aller Bücher der Welt, Viele Zeitungen waren nur in einer bestimmten Region erhältlich. Nur so konnte die Menschheit die Masse an Wissen bewältigen.

Und das Internet? Hat sich viel zu schnell entwickelt. In wenigen Jahren war all das Wissen plötzlich überall verfügbar. Und wir Menschen wussten nicht mehr damit umzugehen. Und wenn wir Menschen nicht mehr wissen, wie man mit etwas Neuem umgeht, wenden wir einfach alte Verfahren an: Wir nutzen eine Vorstellung von Raum und Zeit, um das Wissen im Internet zu sortieren: Wir erfinden Länder-Top-Level-Domains, wir nennen abgegrenzte Bereiche “Chatrooms“. Wir lesen im Internet die Lokalzeitung. Und statt neue Menschen kennenzulernen, kommunizieren wir via Facebook mit Menschen, die wir eh schon kennen. In der Informatik nennt man das Objektorientierung: Objekte, das sind simulationen von Dingen der realen Welt. Statt neue Verbindungen aufzubauen, beschäftigt sich die Informationstechnologie seit Jahrzenten hauptsächlich damit, Bestehendes möglichst akkurat nachzubauen. Ist das innovativ? Nein, aber es hilft.

Das ist die Idee der Komplexitätsreduktion. Sie hilft, mit der Menge an Information fertigzuwerden. Aber es ist eben nur eine Übertragung von bekannten raumzeitlichen Grenzen. Und das ist schade. Denn der kluge Gedanke einer syrischen Bloggerin ist technisch genauso “weit” entfernt, wie der eher öde Text eines deutschen Arbeitskollegen.
Und da kommen Algorithmen ins Spiel. Denn Algorithmen haben etwas, das wir Menschen nicht haben: Zeit. Sie können fast alle Texte dieser Welt lesen. Und wenn sie nur genau wissen, welchen Gedanken wir wissen wollen würden, können sie ihn uns zeigen. Nicht beschränkt durch Vorstellungen von Ort, Zeit oder sozialen Beziehungen.

Aber genau deshalb sollten Algorithmen mehr über uns wissen, als Ort, Zeit und soziale Beziehungen. Sie sollten alles über uns wissen. alles.

(Lesen Sie später: Wie Algorithmen diese Aufgabe bewerkstelligen könnten)

Foto: Jonathan Velasquez, Unsplash.com, CC-0

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