Konzentration

Wenn wir ein Kunstwerk sehen, bewundern wir den Künstler. Die meisten alten Kunstwerke können wir aber nur durch das Handwerk des Restaurators noch betrachten. Wie arbeitet eigentlich jemand, dessen Arbeit im Hintergrund bleibt? Ein Besuch im Atelier.

„Spucke ist am Besten“. Silvia Bauer* fitzelt ein Stück Watte aus einem Döschen, wickelt es sehr schnell um einen Grillspieß, steckt sich diesen selbstgebauten Wattestab in den Mund. Dann zieht sie damit sehr exakt die Ränder des fingerbreiten weißen Flecks entlang, der mitten auf einem Bild aus dem 19. Jahrhundert prangt. Sie wird dies noch zig Male tun an diesem Bild, eine gute Handvoll dieser Flecken stören das dunkle Gemälde. Bauer ist Diplom-Restauratorin, sie ist 35 Jahre alt.

Die Flecken auf dem Bild sind Absicht. Es ist ein Kitt, der kaputte Stellen im Bild zusammenhalten soll. Mit einem Spatel, wie man ihn vom Zahnarzt kennt, nimmt Bauer ein paar Gramm einer weißen Paste aus einer Filmdose und trägt es vorsichtig auf einen Riss auf. Sie beugt dabei ihren Kopf über das Bild, sie arbeitet sehr konzentriert. Zehn, zwanzig Mal an derselben Stelle, bis sie zufrieden ist mit dem Ergebnis. Später holt sie einen Fetzen Leinwand und drückt ihn auf den Kitt. Das Muster des Leinens zeichnet sich in der Paste ab. Der Kitt soll sich später in seiner Maserung nicht vom Bild unterscheiden.

Das Bild auf ihrem Tisch zeigt einen Mann, seine Kleidung wirft Falten, der Hintergrund ist dunkel, sehr dunkel. Der Firnis, der die Farben schützen soll, lässt kaum noch Helligkeit durch. In der unteren linken Ecke hat Bauer den Firnis abgeschliffen. Ein kleines Viereck, unter dem ein helles Braun hervorsticht. Direkt daneben ist dieselbe Farbe unter dem Firnis fast schwarz. „Das passiert mit der Zeit“ sagt Bauer. Der Firnis ist ein Naturprodukt, das nach den Jahrhunderten verblindet. „Ich könnte den Firnis auch abschleifen, die ursprüngliche Farbe wiederherstellen“, sagt sie, „aber das wird dann sehr teuer“. Sie verdient etwa vierzig Euro die Stunde, als Selbstständige.

Ihr Atelier liegt in einem Gewerbepark. In dem neuen Gebäude riecht es nach frischer Farbe und nach Holz, das im Flur steht. Das Haus hat nummerierte Eingänge, an jeder Tür hängt eine lange Liste mit kleinen Unternehmen. Bauers Atelier liegt im zweiten Stock. Von ihrem Fenster blickt man über einen Parkplatz auf ein graues Betonhochhaus. Das Atelier ist kaum größer als ein Wohnzimmer. Es ist sehr aufgeräumt. Zwei Ikea-Regale stehen als Raumteiler darin, trennen die Küche und eine Sitzecke vom Arbeitsraum. An der Wand hängen Regale, in denen Döschen mit Farbpigmenten stehen. Akkurat nebeneinander angeordnet sind diese Regale ein eigenes Kunstwerk.

Es ist kühl im Atelier, Bauer sagt, die Temperatur werde konstant auf 18 Grad gehalten, die Luftfeuchtigkeit bei 60 Prozent. Die Malereien würden so keine Wellen bilden.

Auf zwei Böcken liegt der Rahmen eines Bildes, einen guten anderthalben Meter ist er groß. Er ist frisch angestrichen, doch am oberen Ende geht eine Macke durch die Farbe. „Das Bild wurde bei Renovierungsarbeiten in der Kirche vor eine Tür gestellt und ist dann umgefallen. Ein echt unnötiger Vorfall“, sagt sie. Auf einem anderen Tisch liegt das Bild dazu, es wurde erst vor kurzem von Bauer selbst restauriert. Sie deutet auf eine leichte Delle in der Mitte der Leinwand. Auch sie ein Resultat des Unfalls.

Bauer nimmt genau zwei Blätter Küchenrolle, sprüht sie zweimal mit Wasser ein. Sie dreht die Leinwand um, legt die Blätter von hinten auf die Delle. Dann legt sie ein dünnes Brett darauf, ein dickes Buch über Restaurierung, obenauf zwei alte Gewichte. „Ich mache die Küchenrolle ganz leicht feucht, damit es keine Wellen im Bild gibt.“ Die Malerei wurde schonmal repariert, dabei wurde eine zweite Leinwand daruntergeklebt. Das könnte jetzt ohne Feuchte den Effekt verschlimmern.

Will man als Restaurator Aufträge von der Kirche bekommen, muss man Kirchenmitglied sein, erzählt sie. Und diese Aufträge sind wichtig, denn die Kirche ist der wichtigste Auftraggeber. Der Markt an Restauratoren ist gesättigt, sagt Bauer, jedes Jahr würden mehr Restauratoren ausgebildet, als gebraucht würden. Ist man nicht im Verband Deutscher Restauratoren, und habe man kein Diplom, sei es sehr schwer, an Aufträge zu kommen.

An dem dunklen Bild hat Bauer nun die Ränder um den Kitt mit den selbstgemachten Wattestäbchen entfernt, die Flecken sind jetzt nur noch halb so groß. Mit einem Skalpell ritzt sie nun Craqulelés in die Flecken, kleine Haarrisse, die eigentlich der Firnis bildet. Auch das, damit man die gekitteten Stellen später nicht so leicht sieht.

Nachdem sie die Stellen vielleicht zwanzig Mal überarbeitet hat, nimmt sie endlich einen Pinsel und übermalt die Stellen mit dunkler Farbe. Inzwischen sind drei Stunden vergangen, seit sie den ersten Wattestab gebastelt hat. Sie verabschiedet den Reporter aus dem Atelier: „Ich muss mich jetzt einfach konzentrieren“.

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