Der Günter geht um

Jetzt hältst du endlich die Klappe und gehst!“, sagte seine Frau. Günter Schmitt hielt seine Klappe und ging. Schon Jahre hat er die Idee mit sich herumgetragen, nun trägt er seinen Rucksack: Der 60-jährige Journalist und Autor machte sich am 20. März von Völklingen auf, um die Grenze Deutschlands abzulaufen. Rundherum. In einer Woche will er wieder zuhause sein. Gestern war der Wanderer auch zwischen Riedelberg und Hornbach unterwegs.

„Ich merke schon, ich fange an, wieder Mundart zu reden“, sagt er. Vor rund acht Monaten startete er in Völklingen und wanderte dann rund 5000 Kilometer an der deutschen Grenze entlang. Seine Erlebnisse und Begegnungen hält er in einem Online-Tagebuch fest. Später will er ein Buch darüber schreiben. Beim Wandern begleitet ihn seine Beagle-Hündin Emma. „Emma hat eine ganz wichtige Funktion“, sagt er und meint dabei die vielen Gespräche, die er dank des Vierbeiners geführt hat. Die Gespräche und die Menschen, denen er begegnet ist, schätzt er, waren das Wichtigste auf dieser Reise.

Er wollte wissen, wie Menschen, die an der Grenze leben, mit der Grenze leben. Wo Grenzen in den Köpfen sind, wo Grenzen in der Landschaft. „Die Menschen in den Grenzgebieten sind viel offener“, erzählt er und bringt ein Beispiel: Noch als der Eiserne Vorhang da war, hätten Wanderer aus der Tschechoslowakei mit Wanderern aus Deutschland Wanderwege über die Grenze errichtet.

Er hat viele Erfahrungen mit Grenzen gemacht. Schmitt wuchs in Völklingen auf, als das Saarland weder zu Deutschland noch so richtig zu Frankreich gehörte. Auch als Journalist habe er oft über Grenzen gehen müssen. Ob er bei der Wanderung auch an seine Grenzen kam? „Leider nein“, sagt er und lacht.

Seine Frau hat ihn einige Male besucht. In Klanxbüll an der dänischen Grenze hat er seinen 60. Geburtstag gefeiert. „Wir haben nur eine Flasche geleert und ein wenig geredet.“ Nächstes Jahr kommt ja wieder ein Geburtstag zuhause, sagt er.

„Man muss sich auf den Tag konzentrieren, der vor einem liegt“, beschreibt er, wie er eine derart enorme Strecke schaffte. Er hat keine Uhr an, er gibt sich nicht vor, wie lange er an einem Tag laufen will. „Wenn ich nach zehn Kilometern keine Lust mehr habe, höre ich auf.“ Geschlafen hat er manchmal in günstigen Hotels, aber auch bei Menschen, die er unterwegs traf. „Einmal traf ich am Oberrhein ein Pärchen auf einer Bank, abends saß ich bei ihnen am Tisch, für die Nacht gaben sie mir ein Bett.“

Günter Schmitt wurde auf seiner Reise oft interviewt. Manchmal, wenn er redet, sagt er konstruierte Sätze mit der besonnenen Sicherheit eines Menschen, der fast ein Jahr dasselbe rechtfertigen musste: „Nur wenn man zu Fuß unterwegs ist, kommt man mit Menschen ins Ge- spräch“ oder „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“, zitiert er Goethe.

Dann erzählt er Geschichten, wie die vom jungen Mann aus Kaiserslautern, den er traf und der eine Schubkarre vor sich her schiebend durch die Alpen lief. Seinen kranken Hund wollte er nach Rom schieben. Günter Schmitt kennt viele solcher Geschichten. Wie die des Bauern im Grenzgebiet zu Polen, der ihm eine Urkunde schenkte, die er auf den Tag genau 65 Jahre mit sich trug.

Schmitt schreibt solche Dinge auf: „Morgens um fünf stehe ich auf, um den vergangenen Tag aufzuschreiben. Sonst würde ich ihn vergessen.“ In seinem Rucksack trägt er seinen Laptop mit sich. Seine Tagebucheinträge stellt er ins Internet.

„Wenn man so eine Wanderung machen will, muss man alleine gehen“, sagt er und ist sich seiner Rolle als Vorbild für weitere Wanderer bewusst. „Wir haben ein so wunderbares Land. Wir haben die Ostsee, die Alpen – wir können froh sein, was wir hier geboten bekommen“, sagt er mit Blick auf die Wanderer, die den Jakobsweg nach Santiago de Compostela gehen. Die Strecke sei ihm nämlich zu laut, zu voll – und „entlang der Autobahn? Das ist doch nicht schön.“

25 000 Bilder hat Günter Schmitt auf seiner Reise gemacht, über 200 Tagebucheinträge verfasst. „Wenn ich später zwei, drei Wochen zuhause bin, fange ich an zu sortieren.“ Dann wird auch ein Buch daraus werden. Das, hofft er, wir in einem halben Jahr fertig sein.

Diesen Text schrieb ich für die Zweibrücker Rundschau vom 13. November 2010. Alle Rechte vorbehalten.

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