Vom Glück des personalisierten Lebens

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Für die Werber dieser Welt ist Personalisierung die Verheißung ewiger Glückseligkeit. Für viele Deutsche ist es ein informationelles Damoklesschwert. Und für Verlage irgendwas, womit die da im Silicon-Valley-Sandkasten rumspielen. Zeit, mir ein paar Gedanken zu machen, was es denn mit dieser Personalisierung wirklich auf sich hat.

Warum Personalisierung Mist ist

Gehen wir in eine Welt zurück, wie es sie vor dem Jahr 2001 gegeben hat: Eine Welt, in der Massenkommunikation für die Menschen etwas war, wie Einkaufen gehen: Wir gehen in einen Laden, in dem es alles gibt und werfen die Dinge in den Einkaufswagen, die wir gerne essen möchten. Oder eben: Wir schlagen eine Zeitung auf und lesen alles, was interessant scheint und alles andere überfliegen wir.

Wenn also Zeitunglesen wie Einkaufen ist, dann gibt es da auch etwas wie eine Einkaufliste. Wir schlagen die Zeitung ja nicht zufällig auf, sondern wir erwarten etwas. Sei es Information, sei es Unterhaltung, sei es eine Meinung zu einem Thema. Wir haben also eine Einkaufliste im Kopf, ich nenne das die manifesten Bedürfnisse. In einem Laden passiert aber etwas interessantes: wir treffen auf Dinge, die wir nicht erwartet haben. Was wir auf der Einkaufliste mManchmal gehen wir im Laden am Salz vorbei, denken: “Ach ja, Salz ist alle!” und kaufen Salz. Ja, derselbe Effekt führt auch dazu, dass wir manchmal auch nach dieser neuen Riffelchips-Sorte greifen.
Die Dinge, die wir zwar mögen, die uns was bringen, von deren Existenz wir alber erst bei ihrem Konsum erfahren, nenne ich latente Bedürfnisse. Sie zu erfüllen, ist mindestens genauso wichtig, wie die manifesten: Es sind eben nicht nur ungesunde Chips. Es sind eben auch mal kluge Gedanken, die einem politischen Thema einen neuen Blickwinkel geben. An Argumente. An Verständigung

Was passiert aber in einer Welt, in der Inhalte nicht mehr im Regal präsentiert werden? Wenn ein Personalisierungsdienst jeden Morgen den Liter Milch vor die Tür stellt, weil er eben weiß, dass wir jeden Morgen Milch kaufen. Wir werden anfangen, weniger Riffelchips zu essen. Aber wahrscheinlich öfter auch ohne Salz.

Warum Personalisierung toll ist

Und doch hat das was: Wenn der Algorithmus nur mal so gut ist, dass er weiß, dass ich Salz zwar nicht täglich, sondern alle vier Wochen kaufe, spare ich mir den Weg zum Rewe. Das Rewe muss nicht mehr kiloweise Lebensmittel wegwerfen, weil niemand das gekauft hat. Verlage können Menschen erreichen, die bisher auf die Zeitung verzichtet haben – bloß, weil der Preis zu teuer ist, wenn sie nur den Sportteil lesen wollen. Newsletter werden nicht mehr in den Junk-Folder geleitet, weil um die eine interessante Info nur irrelevanter Werbemüll geschaufelt wird. Im Gegensatz zum Massenmedium kann man nämlich diese subjektive Einteilung als das behandeln, was sie ist: subjektiv. Persönlich.

Verbringen wir dann nicht mehr Zeit mit Newslettern und Zeitungsartikeln? Naja, vielleicht. Aber das meiste, was wir konsumieren, hätten wir ohnehin gelesen. Und die Zeit, die wir dreimal durch das Rewe gelaufen sind, um dieses eine Gewürz zu finden, sparen wir uns sogar. Ist das diese unnötige Life-quality-Optimierung? Nö, wir leben nicht besser und nicht schlechter. Nur anders.

Wie Personalisierung funktioniert

Personalisierung muss zwei Dinge tun: Personalisierung muss wissen, wie die Einkaufliste aussieht. Und Personalisierung muss wissen, dass wir auch Salz brauchen. Und Riffelchips mögen. Oder eben dieses kleine Argument uns überzeugen würde.
Erstere Aufgabe, die Erfüllung der manifesten Beürfnisse, ist simpel. Da gibt es im Internet Suchfelder, da fragt Facebook nach Dingen, die wir “liken”. Zweiteres, der latente Teil unserer Bedürfnisse, nicht ganz. Denn es ist ja die Natur der Riffelchips und der Argumente, dass wir nicht vorher wissen, dass wir die Riffelchips haben wollen, dass es das Argument gibt. Also muss ein Algorithmus herausfinden, was wir haben wollen, ohne uns direkt danach zu fragen.

Wie Personalisierung nicht funktioniert

Und das passiert heute so: Wir nutzen Algorithmen, die schlagen uns Dinge vor, und wir bewerten sie: Wir vergeben Likes, wir klicken auf Google Links an, wir kaufen auf Amazon (oder eben nicht). Dadurch lernt der Algorithmus. Und schließt vom Vergangenen aufs Neue. Wir sehen schon: Da kommt es zu einem Teufelskreis, wenn alles Neue zu etwas Altem passen muss. Wie kommt dann diese neue Kumquat-Sorte jemals zu mir, wenn ich noch nie Kumquats gegessen habe? Es entsteht etwas, was wir gerne Filterbubble nennen.

Die ist aber erstmal nicht so bedrohlich wie sie aussieht, denn Menschen wissen, wenn sie sich in einer Filterbubble befinden. Aber nur so lange, bis es der Algorithmus schafft, die Einkaufliste zu bedienen. Und das Salz. Und dann fehlt uns nix mehr. Wenn all unsere manifesten Bedürfnisse erfüllt sind, ist uns wurscht, ob die anderen, die latenten, erfüllt werden, weil wir nicht merken, dass sie nicht erfüllt sind (sonst wären sie ja manifest). Dann lernen wir aber nie wieder etwas Neues.

Ich kann beim besten Willen nicht pauschal sagen, dass Personalisierung etwas grundsätzlich gefährliches sei (allein der Gedanke scheint ja etwas typisch deutsches zu sein). Im Gegenteil, sie hat ein fantastisches Potential (Siehe meinen letzten Blogpost). Aber in der Form, wie sie jetzt durchgeführt wird, hat sie zwei gefährliche Konsequenzen: Einerseits hat sie das potenzial, Menschen in eine unbemerkte Filterbubble zu drängen. Andererseits steht dieses Wissen über das persönlichste vom Persönlichen auch leicht anderen Institutionen zur Verfügung, die mehr wollen, als nur Nahrungsmittelverschwendung zu reduzieren. Eins der Kernprobleme ist die Objektorientierung, die ich im letzten Post angedeutet habe. Und dieses Problem ist zu lösen. Dazu dann mehr im nächsten Post.

Foto: Thong Vo, Unsplash.com, CC-0

Warum Facebook mehr über uns wissen sollte

Facebook

Facebook und Google sammeln Daten über uns. Sie wissen mehr über uns, als uns lieb ist. Und doch wissen sie nicht alles. Aber erst das macht sie so gefährlich. Weil wir die Daten nicht mehr löschen können, ein Vorschlag in die andere Richtung: Wir müssen sehen, dass die Algorithmen Alles über uns wissen. Alles.

Das Internet hat ein Problem: Es ist zu groß. Jeder Heini hat seinen eigenen Blog und schreibt mehr oder weniger kluge Dinge, die jeder jederzeit abrufen kann. Und niemand weiß mehr so genau, was es alles gibt. In der Sozialwissenschaft hat sich dafür der Begriff der Komplexität etabliert: Wir können alles wissen, wenn wir nur wollen. Das Problem: Woher sollen wir wissen, dass wir eine Information wollen, bevor wir wissen, dass es die Information gibt?
Der Soziologe Dirk Baecker sieht in dieser Komplexität eine konsequente Weiterentwicklung der Menschheit: Zuerst erfinden wir die Sprache, die es ermöglicht, dass ein Stück Wissen nicht nur in einem Menschen verbleibt, sondern an einen Anderen weitergegeben werden kann. Dann erfinden wir die Schrift, die es erlaubt, das selbe Stück Information an mehrere Menschen weiterzugeben, und zwar so, dass der Autor nicht im selben Raum zur selben Zeit anwesend sein muss wie der Leser. Schließlich kommt der Buchdruck, der die Information noch weiter vervielfältigen kann. Nun muss der Autor nicht mal mehr das Objekt in Händen halten, das die Information trägt. Das Internet letztlich gibt jedem Zugang zu allen Informationen der Welt. Theoretisch.

Bisher konnte man mit der steigenden Menge an Informationen ganz gut umgehen. Sprache erfordert, dass Sprecher und Zuhörer zur selben Zeit sich im selben Raum befinden. Schrift erfordert, dass ein Schriftstück sich einmal zur selben Zeit im selben Raum mit dem Autor befindet, und später wieder mit dem Leser, dazwischen darf es nicht zerstört werden. Es gab auch vor Zeiten des Internets schon eine unüberschaubare Fülle von Wissen. Nur haben Raum und Zeit oft den Zugang zu den Informationen beschränkt: Bibliotheken hatten nur eine Auswahl aller Bücher der Welt, Viele Zeitungen waren nur in einer bestimmten Region erhältlich. Nur so konnte die Menschheit die Masse an Wissen bewältigen.

Und das Internet? Hat sich viel zu schnell entwickelt. In wenigen Jahren war all das Wissen plötzlich überall verfügbar. Und wir Menschen wussten nicht mehr damit umzugehen. Und wenn wir Menschen nicht mehr wissen, wie man mit etwas Neuem umgeht, wenden wir einfach alte Verfahren an: Wir nutzen eine Vorstellung von Raum und Zeit, um das Wissen im Internet zu sortieren: Wir erfinden Länder-Top-Level-Domains, wir nennen abgegrenzte Bereiche “Chatrooms“. Wir lesen im Internet die Lokalzeitung. Und statt neue Menschen kennenzulernen, kommunizieren wir via Facebook mit Menschen, die wir eh schon kennen. In der Informatik nennt man das Objektorientierung: Objekte, das sind simulationen von Dingen der realen Welt. Statt neue Verbindungen aufzubauen, beschäftigt sich die Informationstechnologie seit Jahrzenten hauptsächlich damit, Bestehendes möglichst akkurat nachzubauen. Ist das innovativ? Nein, aber es hilft.

Das ist die Idee der Komplexitätsreduktion. Sie hilft, mit der Menge an Information fertigzuwerden. Aber es ist eben nur eine Übertragung von bekannten raumzeitlichen Grenzen. Und das ist schade. Denn der kluge Gedanke einer syrischen Bloggerin ist technisch genauso “weit” entfernt, wie der eher öde Text eines deutschen Arbeitskollegen.
Und da kommen Algorithmen ins Spiel. Denn Algorithmen haben etwas, das wir Menschen nicht haben: Zeit. Sie können fast alle Texte dieser Welt lesen. Und wenn sie nur genau wissen, welchen Gedanken wir wissen wollen würden, können sie ihn uns zeigen. Nicht beschränkt durch Vorstellungen von Ort, Zeit oder sozialen Beziehungen.

Aber genau deshalb sollten Algorithmen mehr über uns wissen, als Ort, Zeit und soziale Beziehungen. Sie sollten alles über uns wissen. alles.

(Lesen Sie später: Wie Algorithmen diese Aufgabe bewerkstelligen könnten)

Foto: Jonathan Velasquez, Unsplash.com, CC-0

Der Telegraph

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Pfadfinder mit Leib und Seele zu sein bedeutet, dass man manchmal ehrenamtlich Projekte übernimmt, die ein paar Nummern zu groß sind. Und sie dann durchzieht, noch ein paar Nummern größer. Im Jahr 2014 lagerten rund 4000 Pfadfinderinnen und Pfadfinder auf der Schwäbischen Alb. Und ich habe mich der Aufgabe angenommen, eine Lagerzeitung für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die Beine zu stellen. Eine Tageszeitung.

Die Arbeit begann über ein Jahr vorher – Ich musste mir ein Team aus Pfadfinderinnen und Pfadfindern aus ganz Deutschland zusammenstellen. Dazu kamen noch Fotografen und Pfadfinder aus dem Libanon und Südafrika.

Die Zeitung erschien tatsächlich täglich, mit 12 Seiten. Mein Team schrieb, fotografierte, verkaufte die Zeitungen. Ich, für meinen Teil, tat das auch und layoutete dann am Abend die Zeitung. Ich muss sagen, wir haben fantastische Arbeit geleistet.

Die fertigen Ausgaben sahen dann so aus:

Der Telegraph bei ISSUU

Das Internet langweilte ihn. Bis er auf diesen Blog stieß.

Bin ich der Einzige, der diese Überschriften für schlechtes Deutsch hält? Ich kann nicht verstehen, wie diese Satzkonstruktionen so attraktiv sein sollen. Eine solche Überschrift zu lesen fühlt sich an, wie mit dem Fingernagel versehentlich an der unlackierten Seite eines Keramiktellers zu kratzen. Ich bin verblüfft, wie sich dieses niedrige sprachliche Niveau so verbreiten konnte. Man hört die Übersetzung aus dem Englischen ja schon heraus. Oder liege ich so falsch? Ist etwa die einfache Sprache das, was diesen Satz erst so attraktiv macht? Der Verzicht auf eine namentliche Nennung des Protagonisten (“Er”)? Das unkomplizierte Präteritum? Die kurzen Subjekt-Prädikat-Objekt-Sätze, die lieber einen Punkt setzen, als ein Komma, lieber zwei Hauptsätze nebeneinander stellen, als Schachtelsätze zu bauen? Sind sie es, die bewirken, dass man den Satz gerne liest? Ihn zu Ende liest? Weil er einfach zu lesen ist? So wie es im Englischen eben so viel üblicher ist, als im Deutschen. Machen sie mehr Lust auf den Artikel, der folgt, weil er ein Versprechen gibt: Der Text ist einfach verständlich, hat eine klare Linie, und eine einfache Aussage. Eben ganz anders als die multidimensionalen, komplizierten Brocken auf klassischen Nachrichtenportalen. Über die man noch nachdenken muss. Sätze, bei denen sich die Journalisten lieber selbst ob ihrer sprachlichen Gewandtheit feiern (pun intended)?
Es bleibt eine offene, vor allem eine Geschmacksfrage. Ich kann mich mit diesem Geschmack aber leider nicht anfreunden.
Oh, hat jemand noch ne Überschrift für diesen Blogbeitrag?

Macht um der Macht willen

Es ist dreist: Laut Süddeutsche.de haben sich die Union und SPD darauf geeinigt, ein Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung zu verabschieden. Nach dem NSA-Skandal sollte das ein absolutes Tabu sein. Denn wenn schon keine Bemühungen entstehen, Geheimdienste in irgendeiner Weise zu kontrollieren, sollte man ihnen auch nicht einen solchen Honigtopf vor die Nase stellen. Stattdessen soll ein einfaches Gesetz den Zugriff auf diese Daten ohne richterlichen Beschluss verbieten. Jetzt wird einfach weiter so getan, als wären Gesetze eine echte Grenze für Geheimdienste, deren Profession es schließlich ist, Dinge zu verheimlichen und unkenntlich zu machen – wieso nicht auch eigene Gesetzesverstöße?

Eine Vorratsdatenspeicherung ist, meiner Meinung nach, einfach nicht notwendig. Für den kleinen Teil an Menschen, die wirklich Verbrechen begangen haben, gibt es ausreichende Methoden, sie aufzufinden. Bei der Vorratsdatenspeicherung geht es der (kommenden) Bundesregierung um etwas ganz anderes: Um Abschreckung. Foucault hätte es sich nicht schöner ausdenken können: Wenn die Möglichkeit besteht, entdeckt zu werden, beugt man sich viel eher den Gesellschaftsstrukturen. Bedeutet: Auch wenn es jetzt noch heißt: “Es geht ja bloß um schwere Straftaten” – wer verspricht mir, dass in zehn, zwanzig Jahren, nicht auch ein paar Zugriffe auf Piratebay “schwere Straftaten” sind? Woher kriege ich den Beweis, dass die Daten wirklich nach sechs Monaten gelöscht werden? Der BND? Hahaha.

Also gibt der geneigte Bürger nach, verzichtet auf Piratebay. Gerät deshalb vielleicht in eine Filterbubble, die dafür aber legal ist. Und wenn wir bei Foucault bleiben: Der Staat manifestiert seine Macht: Macht, die wirkt, weil sie in den Köpfen der Menschen ist: “Ich tu’ das nicht, ich könnte ja entdeckt werden”.

Die Demokratie, der Staat ist ein System. Und Systeme dienen genau einem Zweck: Der Selbsterhaltung. Dazu tun sie alles, was ihnen möglich ist. Und deshalb ist der Staat so weit, dass er seine Macht ausbaut, in dem er Daten sammelt, bloß weil es möglich ist. Aber dabei hat er mit dem BND versehentlich ein weiteres System geschaffen. Und das dient – wie immer – auch nur der Selbsterhaltung. Also wird der BND tun, was er tun muss, um seine Existenz zu rechtfertigen: Er wird die Daten nutzen. Zum Guten, durchaus – aber was, wenn das nicht mehr geht? Wenn mal über Jahre hinweg kein Terrorist in Deutschland agiert? Wie kann der BND dann noch am Leben bleiben?  Diesen Gedanken will ich meinen Lesern lassen.

Gestatten, Janis Altherr, B.A.

Frau Anette Schavan hat also einen Platz im Hochschulrat der LMU bekommen. Ein Vorgang, den ich als Student dieser Uni wirklich, nun, kritisch sehe. Und weil Axel Schenzle verlangt, dass sich Leute innerhalb der LMU artikulieren, so sie gegen Schavan im Hochschulrat seien, tue ich das.

Frau Schavan trägt derzeit den Status einer überführten Plagiatorin. Sie musste genau deswegen als Bundesbildungsministerin zurücktreten. Und was sie als Ministerin ungeeignet gemacht hat, soll nun in der Hochschule selbst keine Rolle mehr spielen? Das halte ich zumindest für fragwürdig.

Als Kommunikationswissenschaftler verstehe ich, dass die Uni Düsseldorf bei dem Verfahren mit Schavan unter massivem medialem Druck stand, der sich durchaus auf Entscheidungen auswirken kann. Schavan hat, soweit ich das erkennen kann, nicht unerhebliche Chancen, im laufenden Gerichtsverfahren ihren Titel wiederzubekommen. Und wenn das so sein sollte, spricht nichts mehr gegen sie im Hochschulrat. Mein Problem besteht jedoch vielmehr in der Konsequenz von Präsident Hubers Hochschulpolitik: Ich muss mit jeder kleinen Hausarbeit eidesstattliche Versicherungen abgeben, nicht plagiiert zu haben. Auf der einen Seite werden also alle Studenten unter Generalverdacht gestellt, weil es ja sein könnte, dass sie betrogen haben. Allein, für Schavan gilt: Es kann ja sein, dass sie nicht betrogen hat.

Eine solche Doppelmoral kann ich nicht verstehen. Solange Schavan noch als Plagiatorin gilt, hat sie an der LMU nichts in solch hohen Gremien zu suchen. Hinzu kommt der unangenehme Beigeschmack, dass Schavan als Bundesbildungsministerin daran beteiligt war, der LMU den Exzellenztitel zu verleihen. Ausgerechnet Hubers Lieblingsprojekt. Und mit einer Menge Geld verbunden.

Im Übrigen wird Schavan auf der Seite der Universität trotzig noch mit ihrem Titel geführt. Na dann nennt mich ab heute schon mal B.A. Es könnte ja sein, dass ich den Titel irgendwann tragen darf.

Edit: Da Anette Schavan nicht länger Mitglied im Hochschulrat ist, ist sie auch nicht mehr auf der Webseite der Hochschule aufgeführt. Zu Dokumentationszwecken wurde der Link im letzten Absatz daher auf eine Archivversion der Wayback Machine vom 8. Oktober 2013 geändert.

Die Rheinpfalz der Zukunft

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Liebe Rheinpfalz, du bist für mich “meine” Zeitung. Du bist im Haus meiner Eltern länger zugast gewesen als ich selbst. Ich bin mit dir aufgewachsen, in dir habe ich mit 15 meinen ersten Artikel veröffentlicht. Ich mag dich, aber ich hasse deinen Umgang mit dem digitalen Zeitalter. Ich muss sagen: Ich habe Angst um dich. Wirst du den digitalen Wandel überleben? Du bist eine regionale Zeitung, hast in vielen Regionen eine Monopolstellung. “Das Internet” ist für dich keine so große Gefahr wie für die überregionalen Zeitungen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass du mich als “Digital Native” und meine Interessen sträflich vernachlässigst. Wäre ich nicht als Mitarbeiter mit dir verbunden, ich fühlte mich bei dir nicht aufgehoben.

Grund genug für mich, aufzuzeigen, was ich mir als “echter” “Digital Native” von einer Zeitung der Zukunft wünsche. Vier Ideen, die vielleicht nicht für die Allgemeinheit stehen, aber als Anregung dienen sollen.

Idee 1: Mach dir klar: Du bist bald nicht mehr die einzige Zeitung deiner Leser.

Was bis heute durchaus klug und richtig war, ist das umfassende Themenspektrum der Rheinpfalz: Von Internationalem bis zu Lokalem ist Alles an Nachrichten vertreten. Die wenigsten Leser kaufen sich eben mehr als eine Zeitung. Im „Digitalen Zeitalter“ ist das aber umso weniger sinnvoll. Wer Nachrichten von Sueddeutsche.de haben kann oder von SPON, will sie nicht – nahezu wortgleich – als dpa-Meldung einen Tag später nochmal lesen. Die Rheinpfalz muss sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren.

Das Digitale Zeitalter ist geprägt durch die individuelle Auswahl: Jeder nimmt sich das Beste aus mehreren Angeboten. Das Internationale ist nicht das Beste der Rheinpfalz. Überlasst diesen Bereich den „großen“ Zeitungen mit ihren Korrespondentennetzen.

Was unterscheidet die Rheinpfalz von anderen Zeitungen? Doch wohl eindeutig: Rheinland-Pfalz. Das ist ihre Kernkompetenz, auf die sich die Zeitung in Zukunft sehr viel stärker konzentrieren muss. Redakteure, die die Agenturmeldungen sortieren, tun mir keine Dienstleistung.

Stattdessen landen im Moment aber wirklich regionale Nachrichten auf den hinteren Seiten des Mantelteils. Als interessierter Leser überspringe ich also die ersten “Agenturseiten”, um zum wirklich Interessanten zu kommen. Die Zeitung hätte ein viel stärkeres Profil, wenn das eben genau umgekehrt wäre.

Idee 2: Trau dir Digital zu!

Die Webseite der Rheinpfalz stammt aus den Anfangszeiten „dieses“ Internets. Layout und Technik sind hoffnungslos veraltet. Wie, um Himmels willen, soll da jemand verleitet werden, die Paywall zu überwinden, die es ja auch noch gibt? Der Webseite merkt man an, dass sie in Verlag und Redaktion keine Wertschätzung genießt, gar als Bedrohung für das Printprodukt gesehen wird.

Das ist doch gar nicht so! Eine gute Webseite ist erstens eine Visitenkarte für eine Zeitung und zweitens ein Zusatzangebot für das Printprodukt. Auf Gutjahrs Blog hat Sascha Lobo eine nette Zeitungsutopie beschrieben, die meiner Meinung nach in die richtige Richtung geht.

Jetzt hat die Rheinpfalz ein Institut beauftragt, herauszufinden, was man an der Webseite besser machen könnte. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, hat man das Problem wohl offensichtlich erkannt. Aber auch wenn ich durchaus an die Aussagekraft von Studien glaube, wirkt dieser Schritt viel zu mutlos. Herauskommen wird bei diesem Prozess ein vorsichtiges, ebenso mutloses Redesign, das gerade so die Kundenanforderungen erfüllt. Sie kennen wohl jenes Zitat, das dem Autobauer Henry Ford zugeschrieben wird: “Hätte ich meine Kunden damals gefragt, was sie wollen, hätten sie gesagt ‘schnellere Pferde’”. Von einer Zeitung, die ein Profil haben will, mit der ich mich identifizieren will, erwarte ich einfach mehr Pioniergeist.

Also: Setzt euch mit einer jungen Designfirma zusammen, die euch die Webseite zeitgemäß gestaltet. Stellt echte Nur-online-Redakteure ein. Und zwar mehr als zwei. Die Webseite darf eine Paywall erhalten, die muss aber einfach zu überwinden sein, ganz ohne Account, am Besten in einem gemeinsamen Micropaymentsystem aller deutschen Verlage. Warte, noch eine Idee. Dazu gleich mehr.

Seht die Webseite nicht als eine Bedrohung. Sie ist unverzichtbar: als ich hier in München eine Printzeitung abonniert habe, hatte ich mich zuvor anhand der Webseite von der Qualität der Zeitung überzeugt. Die Rheinpfalz hätte es da nicht mal auf meinen Schirm geschafft.

Idee 3: Freunde dich mit dem Gedanken an, nicht mehr täglich gedruckt zu erscheinen!

Ich habe das Gedankenspiel ein bisschen weiter getrieben. Wie nutze ich Zeitung? Ich öffne schon heute jeden Morgen die Flipboard-App auf meinem Tablet, blättere durch die wichtigsten Nachrichten der Welt und schaffe es maximal, drei, vier Artikel zu lesen, bevor ich zur Uni muss. Die Printzeitung liegt dann noch ungeöffnet da. Die lese ich abends, am Wochenende, in der U-Bahn. Aber immer mit dem Frust, nicht alle interessanten Artikel gelesen zu haben, bis schon wieder die nächste Zeitung vor der Tür liegt. Ich bin deshalb kürzlich zur Wochenzeitung gewechselt. Die bietet mir ein besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis. Wieso ist das nicht – langfristig – eine Idee für die Rheinpfalz:

Wochentags erscheinen die wichtigen Nachrichten digital (hier gibt es nicht einmal einen Mindestplatz, der gefüllt werden muss, welch ein Vorteil!), am Wochenende erscheinen gedruckte Hintergrundberichte.

Ich habe den Eindruck, dass viele Texte in der Rheinpfalz, besonders in den Lokalteilen, unter Zeitdruck entstehen. Jeden Tag muss eine Ausgabe gefüllt sein, deren Umfang die Nachrichtenlage einfach nicht gerecht wird. So muss man als Leser tagtäglich über die Vorzüge des Ortes Kleinbiedelsheim lesen und ein Portrait über den langjährigen Kleintierzuchtvereinsvoritzenden. Das ist durchaus interessant für die Kleinbiedelsheimer und die Kleintierzuchtvereinsmitglieder. Aber eben nur für die. Deshalb darf das nicht täglich Brot sein, sondern die Ausnahme. Und es darf nicht der Aufmacher sein, sondern die Seite fünf.

Das sich das System bewähren wird, sieht man an der „Reinpfalz am Sonntag“: Die besseren Artikel der Rheinpfalz stehen zumeist dort. Eine echte Wochenzeitung, deren Redakteure eine Woche zeit haben. Die Texte sind gereift, ordentlich recherchiert, gut geschrieben. Kurz: Sie sind interessant. Wieso soll das nicht auch auf Lokalteilebene funktionieren? Ein Redakteur, der pro Tag eben nur einen Artikel schreiben muss, oder weniger, kann mehr Sorgfalt hineinstecken. Und Sorgfalt liest man.

Idee 4: Lass mich Rosinen picken.

Die Zeitung der Zukunft muss zwei Interessengruppen gerecht werden: Einerseits denen, die eine umfassende Information über alle Geschehnisse wollen, auch mit Nachrichten konfrontiert werden wollen, die sie nicht explizit suchen, einen Kontext haben wollen: den klassischen Zeitungslesern eben.

Aber auch denjenigen, die nur eingeschränkte Interessen haben. Ich lebe nun in München, was muss ich über jeden Kreistagsbeschluss im Landkreis Kusel Bescheid wissen? Mein Wunsch: Ich will Rosinenpicken: Ich will nur Nachrichten über Breitenbach und über mein ehemaliges Gymnasium. Ich will dass Nachrichten mit ebensolchen Tags in meiner Flipboard-App auftauchen (also gemeinsam mit den überregionalen Nachrichten von SZ, Guardian, Twitter-Posts etc.), und zwar dann, wenn sie eben da sind. Und das für einen reduzierten Preis. Am Besten eine Flatrate. Und zwar eine nicht nur für die Rheinpfalz, sondern für alle Presseprodukte.

Und wer bezahlt das alles?

Ich habe die einfältige Auffassung, dass durch ein gerechteres, günstigeres Paymentsystem mehr Menschen sich dazu geneigt sehen, entsprechende Inhalte zu bezahlen. Die Betonung liegt auf günstig. Und einfach. Wer erst bei Amazon zwanzig Minuten durch Anmeldeprozess, Kreditkarteneingabe (ohne alternative Bezahlmethode) und Email-Bestätigung gejagt wurde, greift eben auch schneller zu den kostenlosen Alternativen (Übrigens ist das eine sehr viel logischere Stelle, an der man Studien anstellen könnte).

Wie stelle ich mir also die Zeitung der Zukunft vor? Die ganze Zeitungswelt? Ich kaufe mir ein Abonnement für, sagen wir, 20 € im Monat, und darf mir bei verschiedenen Zeitungen eine gewisse Anzahl an Tags auswählen. Bei der SZ die „Umfassende Nachrichtenlage“, und „München“, bei der Rheinpfalz „Landespolitik“, „Breitenbach“ und „Gymnasium Kusel“. Bei DWDL „Medien“. Bei der „Zeit“ die „Auslandspolitik“. Undsoweiter. All diese so getaggten Nachrichten tauchen permanent in einer App auf (die auf allen digitalen Geräten vom iPhone bis zum alten PC-Tower mit Windows XP verfügbar ist).

Je nachdem, wieviele Nachrichten die Zeitungen zu den entsprechenden Tags liefern, die von mir gelesen werden (um Spamming und Suchwortoptimierung zu vermeiden), bekommen sie ihren Anteil an den 20 €. Zusätzlich kann ich mir von allen Zeitungen gedruckte Wochenendausgaben bestellen. Wenn ich möchte. Von wem ich möchte.

Eine Rheinpfalz der Zukunft könnte sich vor allem durch ein innovatives Konzept ein großes Stück vom digitalen Kuchen abschneiden: Wäre das nicht attraktiv, der Erste zu sein, der die Lokalzeitung ins Internet rettet? Wenn ich es einer Zeitung wünschen würde, dann dir, liebe Rheinpfalz.

Der Günter geht um

Jetzt hältst du endlich die Klappe und gehst!“, sagte seine Frau. Günter Schmitt hielt seine Klappe und ging. Schon Jahre hat er die Idee mit sich herumgetragen, nun trägt er seinen Rucksack: Der 60-jährige Journalist und Autor machte sich am 20. März von Völklingen auf, um die Grenze Deutschlands abzulaufen. Rundherum. In einer Woche will er wieder zuhause sein. Gestern war der Wanderer auch zwischen Riedelberg und Hornbach unterwegs.

„Ich merke schon, ich fange an, wieder Mundart zu reden“, sagt er. Vor rund acht Monaten startete er in Völklingen und wanderte dann rund 5000 Kilometer an der deutschen Grenze entlang. Seine Erlebnisse und Begegnungen hält er in einem Online-Tagebuch fest. Später will er ein Buch darüber schreiben. Beim Wandern begleitet ihn seine Beagle-Hündin Emma. „Emma hat eine ganz wichtige Funktion“, sagt er und meint dabei die vielen Gespräche, die er dank des Vierbeiners geführt hat. Die Gespräche und die Menschen, denen er begegnet ist, schätzt er, waren das Wichtigste auf dieser Reise.

Er wollte wissen, wie Menschen, die an der Grenze leben, mit der Grenze leben. Wo Grenzen in den Köpfen sind, wo Grenzen in der Landschaft. „Die Menschen in den Grenzgebieten sind viel offener“, erzählt er und bringt ein Beispiel: Noch als der Eiserne Vorhang da war, hätten Wanderer aus der Tschechoslowakei mit Wanderern aus Deutschland Wanderwege über die Grenze errichtet.

Er hat viele Erfahrungen mit Grenzen gemacht. Schmitt wuchs in Völklingen auf, als das Saarland weder zu Deutschland noch so richtig zu Frankreich gehörte. Auch als Journalist habe er oft über Grenzen gehen müssen. Ob er bei der Wanderung auch an seine Grenzen kam? „Leider nein“, sagt er und lacht.

Seine Frau hat ihn einige Male besucht. In Klanxbüll an der dänischen Grenze hat er seinen 60. Geburtstag gefeiert. „Wir haben nur eine Flasche geleert und ein wenig geredet.“ Nächstes Jahr kommt ja wieder ein Geburtstag zuhause, sagt er.

„Man muss sich auf den Tag konzentrieren, der vor einem liegt“, beschreibt er, wie er eine derart enorme Strecke schaffte. Er hat keine Uhr an, er gibt sich nicht vor, wie lange er an einem Tag laufen will. „Wenn ich nach zehn Kilometern keine Lust mehr habe, höre ich auf.“ Geschlafen hat er manchmal in günstigen Hotels, aber auch bei Menschen, die er unterwegs traf. „Einmal traf ich am Oberrhein ein Pärchen auf einer Bank, abends saß ich bei ihnen am Tisch, für die Nacht gaben sie mir ein Bett.“

Günter Schmitt wurde auf seiner Reise oft interviewt. Manchmal, wenn er redet, sagt er konstruierte Sätze mit der besonnenen Sicherheit eines Menschen, der fast ein Jahr dasselbe rechtfertigen musste: „Nur wenn man zu Fuß unterwegs ist, kommt man mit Menschen ins Ge- spräch“ oder „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“, zitiert er Goethe.

Dann erzählt er Geschichten, wie die vom jungen Mann aus Kaiserslautern, den er traf und der eine Schubkarre vor sich her schiebend durch die Alpen lief. Seinen kranken Hund wollte er nach Rom schieben. Günter Schmitt kennt viele solcher Geschichten. Wie die des Bauern im Grenzgebiet zu Polen, der ihm eine Urkunde schenkte, die er auf den Tag genau 65 Jahre mit sich trug.

Schmitt schreibt solche Dinge auf: „Morgens um fünf stehe ich auf, um den vergangenen Tag aufzuschreiben. Sonst würde ich ihn vergessen.“ In seinem Rucksack trägt er seinen Laptop mit sich. Seine Tagebucheinträge stellt er ins Internet.

„Wenn man so eine Wanderung machen will, muss man alleine gehen“, sagt er und ist sich seiner Rolle als Vorbild für weitere Wanderer bewusst. „Wir haben ein so wunderbares Land. Wir haben die Ostsee, die Alpen – wir können froh sein, was wir hier geboten bekommen“, sagt er mit Blick auf die Wanderer, die den Jakobsweg nach Santiago de Compostela gehen. Die Strecke sei ihm nämlich zu laut, zu voll – und „entlang der Autobahn? Das ist doch nicht schön.“

25 000 Bilder hat Günter Schmitt auf seiner Reise gemacht, über 200 Tagebucheinträge verfasst. „Wenn ich später zwei, drei Wochen zuhause bin, fange ich an zu sortieren.“ Dann wird auch ein Buch daraus werden. Das, hofft er, wir in einem halben Jahr fertig sein.

Diesen Text schrieb ich für die Zweibrücker Rundschau vom 13. November 2010. Alle Rechte vorbehalten.

Das Splitter-Redesign

Vor gut einem Jahr habe ich als neuer Splitter-Chefredakteur die Arbeit von vielen, vielen Vorgängern über den Haufen geworfen und – gemeinsam mit unserer Layouterin Daniela – ein neues Layout für den Splitter entworfen. Ich hatte Ambitionen, den Arbeitsteil der Redaktion zu stärken, den Splitter insgesamt noch interessanter, lesbarer zu machen.

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Ich begann mit dem Cover, das so schon seit Jahrzehnten aussah und leicht aus der Mode gekommen war. Ich gab die Möglichkeit, eine Titelgeschichte auf dem Cover zu installieren. Außerdem sollte das Logo mehr Charakter bekommen. Zurecht wurde ich kritisiert, dass dich dafür bei mir selbst geklaut hatte – beim Logo von Pfadix.de.

Überhaupt wollte ich den Charakter der Bilder stärken. Pfadfinden produziert so schöne Bilder, die im Splitter aber oft flach und charakterlos aussahen. Daniela schlug einige Bildbearbeitungsmethoden vor, die standardmäßig über die Bilder laufen sollten. Etwas mehr Kontrast und eine stärkere Sättigung taten’s da schon.

Der Innenteil bekam mit Garamond eine Serifenschrift, das Corporate Design wurde mit den Farben und dem Charakteristischen 12°-Winkel mit eingebunden und die Texte bekamen Einstiegshilfen.

Die Texte sollten Einschübe und Vorspänne erhalten. Sie wurden ja nicht von ausgebildeten Redakteuren geschrieben, und so verschwanden oft die Schmankerl in einem Nebensatz. Die konnten nun dort auch bleiben, zu viel wollte ich den Textern nicht ins Handwerk pfuschen, aber sie konnten die Aufmerksamkeit nun trotzdem auf den Text ziehen.

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Und eine Kleinigkeit hatte ich versucht einzuführen: Die Interviews ohne Worte sind stets das, was ich im SZ-Magazin am liebsten lese. Wieso sollte das nicht auch in unserer Landeszeitschrift funktionieren?

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So leid es mir tat, dies waren wohl die einzigen Dinge die ich dem Splitter verschaffen konnte. Schon nach nur drei Ausgaben musste ich die Splitter-Redaktion aufgeben und Arbeiten nachgehen, die mir mein Studium finanzieren.

Trotzdem war das Redesign des Splitters eine der spannendsten Aufgaben, die ich bis jetzt gemacht habe. Und ich bin froh darum. Danke, RPS, dass ihr mich das habt machen lassen.

Konzentration

Wenn wir ein Kunstwerk sehen, bewundern wir den Künstler. Die meisten alten Kunstwerke können wir aber nur durch das Handwerk des Restaurators noch betrachten. Wie arbeitet eigentlich jemand, dessen Arbeit im Hintergrund bleibt? Ein Besuch im Atelier.

„Spucke ist am Besten“. Silvia Bauer* fitzelt ein Stück Watte aus einem Döschen, wickelt es sehr schnell um einen Grillspieß, steckt sich diesen selbstgebauten Wattestab in den Mund. Dann zieht sie damit sehr exakt die Ränder des fingerbreiten weißen Flecks entlang, der mitten auf einem Bild aus dem 19. Jahrhundert prangt. Sie wird dies noch zig Male tun an diesem Bild, eine gute Handvoll dieser Flecken stören das dunkle Gemälde. Bauer ist Diplom-Restauratorin, sie ist 35 Jahre alt.

Die Flecken auf dem Bild sind Absicht. Es ist ein Kitt, der kaputte Stellen im Bild zusammenhalten soll. Mit einem Spatel, wie man ihn vom Zahnarzt kennt, nimmt Bauer ein paar Gramm einer weißen Paste aus einer Filmdose und trägt es vorsichtig auf einen Riss auf. Sie beugt dabei ihren Kopf über das Bild, sie arbeitet sehr konzentriert. Zehn, zwanzig Mal an derselben Stelle, bis sie zufrieden ist mit dem Ergebnis. Später holt sie einen Fetzen Leinwand und drückt ihn auf den Kitt. Das Muster des Leinens zeichnet sich in der Paste ab. Der Kitt soll sich später in seiner Maserung nicht vom Bild unterscheiden.

Das Bild auf ihrem Tisch zeigt einen Mann, seine Kleidung wirft Falten, der Hintergrund ist dunkel, sehr dunkel. Der Firnis, der die Farben schützen soll, lässt kaum noch Helligkeit durch. In der unteren linken Ecke hat Bauer den Firnis abgeschliffen. Ein kleines Viereck, unter dem ein helles Braun hervorsticht. Direkt daneben ist dieselbe Farbe unter dem Firnis fast schwarz. „Das passiert mit der Zeit“ sagt Bauer. Der Firnis ist ein Naturprodukt, das nach den Jahrhunderten verblindet. „Ich könnte den Firnis auch abschleifen, die ursprüngliche Farbe wiederherstellen“, sagt sie, „aber das wird dann sehr teuer“. Sie verdient etwa vierzig Euro die Stunde, als Selbstständige.

Ihr Atelier liegt in einem Gewerbepark. In dem neuen Gebäude riecht es nach frischer Farbe und nach Holz, das im Flur steht. Das Haus hat nummerierte Eingänge, an jeder Tür hängt eine lange Liste mit kleinen Unternehmen. Bauers Atelier liegt im zweiten Stock. Von ihrem Fenster blickt man über einen Parkplatz auf ein graues Betonhochhaus. Das Atelier ist kaum größer als ein Wohnzimmer. Es ist sehr aufgeräumt. Zwei Ikea-Regale stehen als Raumteiler darin, trennen die Küche und eine Sitzecke vom Arbeitsraum. An der Wand hängen Regale, in denen Döschen mit Farbpigmenten stehen. Akkurat nebeneinander angeordnet sind diese Regale ein eigenes Kunstwerk.

Es ist kühl im Atelier, Bauer sagt, die Temperatur werde konstant auf 18 Grad gehalten, die Luftfeuchtigkeit bei 60 Prozent. Die Malereien würden so keine Wellen bilden.

Auf zwei Böcken liegt der Rahmen eines Bildes, einen guten anderthalben Meter ist er groß. Er ist frisch angestrichen, doch am oberen Ende geht eine Macke durch die Farbe. „Das Bild wurde bei Renovierungsarbeiten in der Kirche vor eine Tür gestellt und ist dann umgefallen. Ein echt unnötiger Vorfall“, sagt sie. Auf einem anderen Tisch liegt das Bild dazu, es wurde erst vor kurzem von Bauer selbst restauriert. Sie deutet auf eine leichte Delle in der Mitte der Leinwand. Auch sie ein Resultat des Unfalls.

Bauer nimmt genau zwei Blätter Küchenrolle, sprüht sie zweimal mit Wasser ein. Sie dreht die Leinwand um, legt die Blätter von hinten auf die Delle. Dann legt sie ein dünnes Brett darauf, ein dickes Buch über Restaurierung, obenauf zwei alte Gewichte. „Ich mache die Küchenrolle ganz leicht feucht, damit es keine Wellen im Bild gibt.“ Die Malerei wurde schonmal repariert, dabei wurde eine zweite Leinwand daruntergeklebt. Das könnte jetzt ohne Feuchte den Effekt verschlimmern.

Will man als Restaurator Aufträge von der Kirche bekommen, muss man Kirchenmitglied sein, erzählt sie. Und diese Aufträge sind wichtig, denn die Kirche ist der wichtigste Auftraggeber. Der Markt an Restauratoren ist gesättigt, sagt Bauer, jedes Jahr würden mehr Restauratoren ausgebildet, als gebraucht würden. Ist man nicht im Verband Deutscher Restauratoren, und habe man kein Diplom, sei es sehr schwer, an Aufträge zu kommen.

An dem dunklen Bild hat Bauer nun die Ränder um den Kitt mit den selbstgemachten Wattestäbchen entfernt, die Flecken sind jetzt nur noch halb so groß. Mit einem Skalpell ritzt sie nun Craqulelés in die Flecken, kleine Haarrisse, die eigentlich der Firnis bildet. Auch das, damit man die gekitteten Stellen später nicht so leicht sieht.

Nachdem sie die Stellen vielleicht zwanzig Mal überarbeitet hat, nimmt sie endlich einen Pinsel und übermalt die Stellen mit dunkler Farbe. Inzwischen sind drei Stunden vergangen, seit sie den ersten Wattestab gebastelt hat. Sie verabschiedet den Reporter aus dem Atelier: „Ich muss mich jetzt einfach konzentrieren“.

*Name geändert